In memoriam… Roger Willemsen spricht James Joyce

Diese Aufnahme vom Sommer 2015 lag bis vorgestern unbearbeitet im Archiv.

Abaton-Kino, Lesung mit Roger Willemsen und Barbara Auer über Freundschaft. Im Anschluss warte ich brav, bis sich das Feld der Menschen lichtet, die mit ihm sprechen wollen, dann raffe ich meinen Mut zusammen, erkläre kurz und knackig mein Anliegen, bloß nicht herumlabern, keine Unsicherheit zeigen wegen der Bedenken, er könne schroff oder ablehnend reagieren, das schmerzt immer, klar. Menschen, die wir aus dem Fernsehen kennen, kennen wir garnicht, so etwas kann auch schiefgehen. Wenn dann auch noch der Wunsch so groß ist, ist Feierabend mit Entspannung. Los jetzt. Ich frage ihn rundheraus, ob er bei mir zu Hause vor Packpapier Gedichte in die Kamera spricht. Und – der Mann ist schnell im Kopf, das weiß man. „Ah! Ja gern! Das ist ja wunderbar, Moment, da könnte ich doch, ja, ich könnte doch einen Hölderlin, ja! Einen Hölderlin, den könnte ich machen und – wieviele soll ich machen?“ „Soviel Sie möchten.“ Ich kann mein Glück kaum fassen. „Ich heiße Karime und freu‘ mich wahnsinnig.“ „Roger. Julia verwaltet meine Termine, mach‘ mit ihr einen Termin aus, ich sag‘ ihr Bescheid, dass das in Ordnung ist.“ Ich verabschiede mich zügig, bevor ich ihm noch um den Hals falle. Selig fliege ich nach Hause, auch beglückt dadurch, dass ich einen so freundlichen, zugewandten Menschen getroffen habe.
Und dann ist alles leicht gegangen, heimlich beneide ich Julia, seine Assistentin, die mit diesem Blitzkopf und -herz arbeiten darf. Schneller Termin, 7. Juli sieben Uhr abends, Zeitfenster 30 Minuten. Licht, Kamera, Maske, Packpapier, alles bereit. Den Termin habe ich geheimgehalten, denn meine wundervollen Freunde und Nachbarn wollten so gern nur kurz mal klingeln, wenn er kommt. Nein, bitte, so wird das nix. Das sitzt er nun und lässt sich seelenruhig einleuchten, dreht sich immer wieder um und bestaunt das aufwändige Bühnenbild von Staples, entwickelt Ideen, wie und wo man dieses Projekt überall ein- und umsetzen könnte, freut sich über die Marlies-Möller-Haarbürste und gibt sich genüsslich der Maske hin, die meine Schwester ist, alles hausgemacht. Alle im Raum genießen sich gegenseitig, so etwas gibt es manchmal. Es geht los, er warnt mich vor, dass es seine Richtigkeit hat, wenn der Hölderlin etwas laut und schäumend wird, das soll so, alles klar. Im Anschluss James Joyce, ein Schuss und drin im Kasten. Gefühlte 60 Minuten, voll gelebt, das kommt mir bekannt vor und ich weiß, den werde ich wiedersehen.
Ich habe mich geirrt.
Seinen rauschenden Vortrag „Der Jüngling an die klugen Ratgeber“ von Hölderlin habe ich veröffentlicht, ein paar Tage später – der James Joyce ist noch nicht geschnitten – kommt die Meldung von seiner Erkrankung und der Rückzug aus der Öffentlichkeit. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für „She weeps over Rahoon“. Ich bin sicher, er schafft das, er wird gesund, der konzentriert sich jetzt und ist irgendwann wieder da.
Ich habe mich geirrt.
Seit dem 7. Februar 2016 entwickelt dieser brilliante Mensch seine Ideen ganz woanders. Vorgestern haben wir geschnitten.
Mit sympathischem Akzent, selbstbewusst und leidenschaftlich wie immer hat Roger Willemsen uns dieses 1913 entstandene Trauer-Liebesgedicht von James Joyce geschenkt.
So kostbar.
Manchmal, wenn ich die Alster umrunde, höre ich Teile von „Die Enden der Welt“. Dann freu‘ ich mich wieder über diesen besonderen Mann, den ich ein ganz klein wenig kannte.

Stay tuned, Eure Karime.

Abdruck des Gedichts und der Übertragung ins Deutsche von Bertram Kottmann auf dem Kanal always poet auf YouTube.

 

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